Kinder inmitten zerbombter Häuser, Menschen am Ende ihrer Kräfte. Walli Richter weiß, wie es den Flüchtlingen geht. Bomben, Schüsse, Blut – die 81-Jährige ist selbst geflohen. Vor mehr als 70 Jahren. Jetzt ist alles wieder da.

Porträt von Ann-Kathrin Hipp und Katharina Weygold

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Die 81-Jährige Walli Richter erzählt von ihrer Flucht in Kindheitstagen. Foto: Ann-Kathrin Hipp

„S’Gott“, sagt einer der Flüchtlinge. „Grüß Gott“, sagt Walli Richter. Seit auf dem Grundstück gegenüber ihrer Dreizimmerwohnung Container für Flüchtlinge aufgestellt wurden, begegnet die alte Dame den Neuankömmlingen fast täglich. Es sind Männer, junge Mütter und Kinder, die noch etwas verloren durch den Münchner Stadtteil Obergiesing schleichen. In ihnen sieht sich die 81-Jährige selbst, erinnert sich, wie sie als kleines Mädchen durch ein unbekanntes Land gelaufen ist. Fliehen, fremd sein, Angst haben. Und ankommen. Sie hat es selbst erlebt.

Die erste Flucht

Da ist die Mutter, die an der Grenze zurückbleibt. Ihr Winken und Weinen, ihr trauriger Blick. Was passiert, versteht Walli nicht. Drei Jahre ist sie alt, als sie ihre Heimat das erste Mal verlassen muss. Es ist Frühling im Jahr 1938: Das tschechische Militär zieht sich an der Grenze zu Deutschland zusammen. Eine Konfrontation mit Hitler wird erwartet. Frauen und Kinder aus dem Grenzgebiet, so heißt es, sollen sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Viele von ihnen sind deutschstämmig, sogenannte Sudetendeutsche. Auch Familie Richter, die in Oberleutensdorf nahe der sächsischen Grenze lebt. Vater Richter ist in Gefangenschaft, Mutter Richter muss sich um die Familien-Spedition kümmern. Die Kinder Walli, Gretel und Loni sollen gemeinsam mit ihrer Tante das Gefahrengebiet verlassen. Mit dem Auto bis zur Grenze, dann auf eigene Faust weiter.

Albträume

„Wir kamen mit vielen Flüchtlingen aus der Tschechei in ein Heim in Goslar, wo wir ein Zimmer bekamen. Auf dem Schrank saß dort immer so ein schwarzes Tier, das mir fürchterliche Angst gemacht hat. Schwarz und rund. Ein richtiges Gespenst, ich kann es gar nicht genau sagen. Ich habe das gesehen, obwohl es gar nicht dort war. Nachts bin ich manchmal einfach weggelaufen und durch die Stadt geirrt. Irgendwann haben sie mich dann in meinem Nachthemdchen wieder aufgegabelt. Das Tier sehe ich heute noch in meinen Träumen. Ich wache immer noch nachts auf.“

Rückkehr

Herbst 1938: Hitler hat das Sudetenland annektiert. Vorerst Sicherheit, denken die Richters. Tante und Kinder kommen zurück. Zurück nach Oberleutensdorf. „Habt keine Angst mehr“, sagen die Eltern.

Käferplage im Kriegsalltag

Ein Jahr später ist Krieg. Deutsche Soldaten werden stationiert, sollen das Sudetenland gegen die Alliierten verteidigen. Irgendwann wird Wallis Schule zum Lazarett, Unterricht hat sie nur noch jeden zweiten Tag. Stattdessen sammeln Walli und ihre Mitschüler Kartoffelkäfer. Eine regelrechte Plage, mitten im Sommer. Furche um Furche klauben sie die kleinen Käfer von den Pflanzen. Plötzlich ein leises Brummen in der Ferne. Dann lauter, immer lauter. Flieger der US-amerikanischen und britischen Armee. Pfeiffen. Knallen. Die Kinder rennen und rennen und rennen. Unter die Bäume, ins Gebüsch. Da drüben ist einer getroffen. Von ihm bleibt nichts übrig. „In stolzer Trauer“, eine Zeile, die Walli in diesen Tagen oft in der Zeitung liest.

Endloser Elendsweg

Frühjahr 1945. Sie sind in Oberleutensdorf nicht mehr sicher. Walli muss wieder weg. Nach Westen, nur nach Westen. Allein die kleinen Rucksäcke, die Mutter Richter aus alten Bettlaken genäht hat, kommen mit auf die beschwerliche Reise. Für Koffer ist kein Platz. Überall Leinensäcke und Menschen, so viele Menschen, alle in einem Lkw. Walli sieht Wagen, beladen mit Alten, Kranken, Kindern und Frauen. Verwundete und Soldaten gehen zu Fuß. Sie alle haben die gleiche Richtung, weg vom Krieg. Ein ununterbrochener Zug von Flüchtenden, ein endloser Elendsweg.

Hilfe

Felder, Städte, Dörfer. Überall Chaos. Jeder kümmert sich um sich selbst, versucht durchzukommen. Walli und ihre Familie irren durch das Egerland, Vater und Schwester sind krank. Sie brauchen Hilfe. Eine Frau lädt die Familie in ihr Haus ein. Überall Büschel getrockneter Pflanzen. Es riecht nach Pfefferminz und Wermuth. Die Kräuterfrau versorgt die Kranken mit Tee. Sie werden gesund.

Hetze

Ein seltsamer Geruch am frühen Morgen. Wallis erster Blick fällt auf Fell. Und auf Blut. Jemand hat die Haut eines Pferdes an die Tür der Scheune genagelt. Dort, wo Walli und ihre Familie am Abend Unterschlupf gesucht hatten. Sie sind hier nicht willkommen.

Formulare, Formulare, Formulare

Illegal ist Familie Richter über die grüne Grenze nach Bayern gekommen. Unterschlupf findet sie in einer Turnhalle mit 130 anderen Flüchtlingen. In den Wänden sind Löcher, das Dach ist zerbombt. Stockbett reiht sich an Stockbett, die Toiletten sind verstopft. Das Rote Kreuz bringt Suppe und Brot. Dann müssen sie Formulare ausfüllen. Eins für den Flüchtlingsausweis, eins für 800 Reichsmark Nothilfe. Ein Formular für Kleider, eins fürs Essen. „Wir waren Bittsteller, das war schrecklich. Wir kamen aus einer reichen Familie. Hier hatten wir nichts. Aber der materielle Verlust war nicht das Schlimmste. Es war die Würde, die wir verloren haben.“

Allein unter Anderen

„In der Volks- und Handelsschule waren wir Flüchtlingskinder immer mit Einheimischen in einer Klasse. Wenn die deutschen Kinder in der Klasse Einladungen zu Kindergeburtstagen oder der Konfirmation verteilt haben, haben wir Flüchtlingskinder nie eine bekommen. Als ich mit 15 Jahren dann zu meiner Freundin Margit zur Konfirmation eingeladen wurde, war das für mich wie eine Offenbarung. Eine große Festtafel, all die Verwandten, ein gepflegtes Zuhause. Das war das erste Mal, dass ich zu Gast war. Nach fünf Jahren.“

Erinnerungsstücke, die Walli Richter aus ihrer Heimat geblieben sind. Foto: Ann-Kathrin Hipp

Erinnerungsstücke, die Walli Richter aus ihrer Heimat geblieben sind. Foto: Ann-Kathrin Hipp

Eine sudetendeutsche Bayerin. Das sei sie jetzt, sagt Walli Richter. Sie ist angekommen, hat aus der Fremde eine Heimat gemacht. Das wünscht sie auch den Flüchtlingen von heute: „Ja, sie brauchen Kleider, Essen und Geld. Aber viel wichtiger wäre es, dass sie mal einen Nachmittag bei einer Familie sein könnten,“ sagt die 81-Jährige. Sie selbst ist zu alt, um sich richtig zu kümmern, um Kuchen zu backen und Gastgeberin zu sein. Das sei jetzt die Aufgabe der jungen Generation, glaubt Walli Richter. Und irgendwie muss sie auch abschließen mit diesem Kapitel. Mit dem Fliehen, fremd sein, Angst haben.

 

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