Facebook, Twitter und YouTube quellen über vor Beleidigungen und Gewaltphantasien. Wer sich ihnen entgegenstellt, wird mit dem Tod bedroht. Sozialpsychologe Andreas Zick erklärt, wie der Hass im Netz in reale Gewalt umschlägt.

Interview von Moritz Hien und Johannes Lohmaier

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Wer die Täter im Netz benennt, wird selbst zur Zielscheibe. Illustration: Jona Roth

Professor Zick, wir lesen nahezu täglich von sozialem Abstieg, Flüchtlingswellen, Terroranschlägen. Macht Ihnen das Angst? 

Andreas Zick: Tatsächlich macht es Angst, wie unglaublich unentspannt in der Öffentlichkeit und den Medien mit dem Thema Flucht und Migration umgegangen wird. Es entsteht eine Form von neurotischer Angst, die nicht mehr antastbar ist, wenn man nur noch von Flüchtlingswellen und Krisen spricht. Ich persönlich schalte aber immer sofort auf die professionelle Ebene, denn Ziel meiner Arbeit ist es, hinter diese allgemeine Angst zu schauen. Mittlerweile ist es aber auch so, dass wir als Experten selbst in diese Konflikte hineingezogen werden, sobald wir in Medien auftreten. In den vergangenen drei Jahren habe ich so viele Drohmails erhalten, wie in meinem ganzen Berufsleben zuvor nicht. Insofern erwischt mich dann auch manchmal Angst, nämlich die vor Extremisten.

Welche Motive stecken hinter den Bedrohungen und Beleidigungen?

Wenn Hater Hass absetzen und jemanden bedrohen und diese Person zeigt Angst, dann motiviert die Schwäche des anderen. Tatsächlich soll das Gegenüber eingeschüchtert und abgewertet werden. Zugleich äußeren sie: „Ich habe das im Griff.“ Die Hater stellen sich mit ihren Kommentaren vor allem selbst dar und wollen Stärke zeigen. Ein anderes Motiv richtet sich aber eher an die Gemeinschaft, mit der Hater sich identifizieren: Mit dem Absetzen von Hassbotschaften zeigt man, dass man dazugehört.

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Andreas Zick (54) ist Professor für Soialpsychologie an der Universität Bielefeld und Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Er befasst sich mit Integration, Migration, Vorurteilen und Rassismus. Foto: Privat.

Das klingt nach starker Rhetorik. Versteckt sich dahinter auch eine Schwäche?

Ja klar, das finden wir insbesondere bei Hate-Communities, die ihr aufgeblasenes Selbstbild aus Hass-Kommentaren ziehen. Der Hater kann einmal seine Zugehörigkeit zu einer Community ausdrücken und Einfluss nehmen, das heißt Kontrolle und Macht ausüben. Mit dem Absetzen steigt sein Selbstwert. Das hilft über die eigene Orientierungslosigkeit und das Misstrauen hinweg. Andere anzugreifen, schafft Orientierung und Bindung.

Sie sprechen von Hate-Communities. Was hat es damit auf sich?

Der ganz wesentliche Mechanismus ist, dass aus individueller Angst eine Art kollektive Angst entsteht. Der Einzelne allein radikalisiert sich nicht. Wenn er eine diffuse Angst hat, etwa weil die Mittelschicht abrutscht, die gesellschaftliche Spaltung zunimmt, dann entsteht eine individuelle Zukunftsangst. Der Einzelne ist verunsichert und postet das. Dass er sich dann aber Hassobjekte sucht, hängt davon ab, ob er eine Gemeinschaft findet, in der gewisse Stereotype vorhanden sind. Eine Gemeinschaft, die ihn bestätigt und sagt: Du hast recht, du wirst die Angst nur dann los, wenn du zusammen mit uns andere angreifst. Für radikale Gruppen ist das eine große Chance.

Was sind das für radikale Gruppen? Gibt es so etwas wie den typischen Hater?

Erst einmal kann das jeder sein, jedes Alter, jede soziale Schicht, jedes Geschlecht. Das ist eine sehr heterogene Gruppe. Das medial Neue an den sozialen Netzwerken ist ja gerade, dass jeder eine Botschaft absetzen kann.  Aber letztlich haben wir eine Entsprechung dessen, was im Analogen stattfindet. Die Vorurteile sind also schon vorher da und setzen sich im Digitalen einfach fort. Ein Beispiel ist der Islam, ein Thema, bei dem sich im Netz sehr stark mobilisieren lässt. Die Stereotype und Vorurteile gegenüber dem Islam sind da und werden nicht erst im Netz geschaffen. Im Netz werden sie in Geschichten eingebettet.

Khola_Maryam_Hübsch

Lassen Sie uns das an einem Fall festmachen. Weshalb sieht sich gerade eine muslimische Journalistin wie Khola Maryam Hübsch immer wieder extremer Hetze im Netz ausgesetzt?

Weil sie eine Frau ist und eine Muslimin. Das reicht schon. Da tritt eine Frau im Kopftuch auf – wieso hat die auf einmal ein Rederecht? Der Hass entsteht also gar nicht durch das, was sie sagt, sondern einfach dadurch, dass sie medial präsent ist. Und das aktiviert banale Vorurteile und Ängste gegen Muslime, die es schon in der frühen Neuzeit gab: dass Muslime gewaltorientiert seien, dass sie Frauen unterdrücken würden. Hinzu kommen seit den Anschlägen vom 11. September 2001 moderne Bilder – das Stereotyp Terrorgefahr. Etwa 40 Prozent der deutschen Bevölkerung haben negative Bilder im Kopf, wenn ein Muslim auftritt.

Macht es einen Unterschied, worum es geht? Attackieren andere Hater Frau Hübsch, als diejenigen, die den LGBT-Aktivisten (Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) Christian Naumann beleidigen?

Die Hater-Community gegen eine Muslimin ist ein bisschen größer, eben weil sie eine Frau ist und Muslimin, also nicht nur Vorurteile gegen Muslime, sondern auch Sexismus anspricht. Aber ja, es gibt große Schnittmengen. Gerade bei LGBT-Themen holt man eine Menge Leute ab, die sich provoziert fühlen, gerade auch in christlich fundamental orientierten Gruppen. Letztlich gibt es für jede Gruppe, die Vorurteile auf sich zieht, eine eigene Hate-Community.

Wenn es also doch immer um alte Vorurteile geht, fragt man sich, ob Hetze im Netz überhaupt ein neues Phänomen ist. Ist das wirklich eine Radikalisierung oder zeigen die Hater in der Anonymität des Internets einfach ihr wahres Gesicht?

Es ist tatsächlich eine Radikalisierung. Die alte These, die Leute hätten ihren Hass immer schon gehabt und im Netz können sie ihn in der scheinbaren Anonymität so richtig rauslassen, ist falsch. Radikalisierung bedeutet ja, dass man von einer bestimmten Einstellung her, immer mehr hin zu einer Tat drängt und dabei gesellschaftliche Normen, die vorher galten und einen gebremst haben, im Netz über Bord wirft.

Das heißt, aus der „virtuellen“ Gewalt wird reale Gewalt?

Im schlimmsten Fall, ja. Wir beobachten vermehrt, dass die Hater tatsächlich Gewalt ausüben. Sie gehen dann zum Asylbewerberheim und brennen es nieder. Diese Fälle haben wir jetzt konkret auch vor Gericht. Die Täter beziehen sich dort zum Großteil auf das, was sie im Netz in ihrer Community an Informationen gefunden haben und gerade nicht mehr auf die analoge Welt. Auch ein Phänomen wie der Massenmörder Anders Breivik lässt sich nicht erklären ohne das Wissen, dass er am Ende seiner Radikalisierung fast ausschließlich im Netz kommuniziert hat.

Sobald ich mich also – beispielsweise wie Eric Hattke in Dresden – gegen Populismus und für eine weltoffene Gesellschaft einsetze, wird meine Zivilcourage mit Hass beantwortet?

Jeder, der einen Kommentar gegen eine menschenfeindliche Meinung öffentlich macht, muss heute wissen, dass er damit unmittelbar in die Gruppe der Feinde und möglichen Opfer von Hatern gehört. Das Benennen von Tätern macht einen zur Zielscheibe. In Leipzig und Dresden werden nicht nur Parolen hochgehalten, sondern auch Steine geworfen. In der analogen Welt haben wir gelernt, dass Zivilcourage in den Bildungskanon gehört. Erste-Hilfe-Kurse sind nur ein Beispiel, es gibt inzwischen wirklich gute Trainings für Zivilcourage. Im Grunde genommen müssen wir genau das jetzt auch für das Netz lernen.

 

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