Terroranschläge des IS verändern den Blick auf den Islam. Vielen macht er Angst. Aber wie steht es eigentlich um meine eigene Religion? Wie hält es das Christentum mit der Angst?

Essay von Hanna Buiting

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Illustration: Jona Roth

Mir tun die Knie weh. Das dunkle Eichenholz der Kirchenbank bohrt sich zwischen Kniescheibe und Sehne in meine Haut. Nicht dran denken, sonst wird dir schlecht vor Schmerz, ermahne ich mich und kann doch nicht anders, als genau daran zu denken. Denn Frau Müller, meine Grundschullehrerin, hat gesagt, dass es wehtun muss. Damit wir ermessen können, welches Leid unser lieber Herr Jesus auf sich genommen hat. Für unsere Schuld. Für unsere große Schuld. Frau Müller übt das richtige Knien mit uns. Ausdauernd und voller Überzeugung. Ich bin sieben Jahre alt und meine Augen sind auf das Kruzifix gerichtet, das bedrohlich über mir emporragt. Ein katholischer Schulgottesdienst im Essener Süden. Bisher erschienen mir die biblischen Geschichten wie fantastische Märchen. Hochzeit zu Kana und niemand bleibt durstig. Jesus, der Superheld, der besonders die Kinder mag. Arche Noah, ein Paradies für Tiere. Mit Playmobil spiele ich es nach. Meine schmerzenden Knie im Schulgottesdienst haben damit nichts zu tun. Trotzdem wird mir schlecht, wenn ich daran denke. Ich bin sieben Jahre alt und dieser halbnackte Jesus mit den Einstichstellen zwischen den Rippenbögen und Nägeln in Händen und Füßen macht mir Angst.

Heute, siebzehn Jahre später, hat sich meine Angst verändert. Ich fühle mich nicht schuldig. In der Messe knie ich mich nicht mehr hin. Meine bewusste Entscheidung, mein Protest. Weil ich nicht glaube, dass Gott mich mehr mag, wenn mir die Knie wehtun und ich allein an den Schmerz denken kann. Stattdessen denke ich über andere Dinge nach. Wie ist das mit der Angst? Und welche Rolle spielt dabei mein Glaube? Welche Rolle spielt meine Religion, die die frohe Botschaft predigt und gleichzeitig das Symbol des Gekreuzigten vor sich her trägt? Wie passt das zusammen? Liebe und Tod? Angst lindern und Angst schüren? Manchmal fühle ich mich herausgefordert, mich selbst fragen zu müssen, wie ich guten Gewissens einer Religion angehören kann, während gleichzeitig Menschen zu Opfern religiös motivierter Taten werden.

Angstmacher statt Angstbekämpfer

Seit den Terroranschlägen der letzten Monate, zu denen sich der IS bekannte, ist die Angst ein unsichtbarer Begleiter für viele. Aber nicht nur die Angst vor Terror, sondern auch die Angst vor Religion. Vor diesem diffusen Gefühl, vielleicht einer vernichtenden Macht ausgeliefert zu sein, die ihre Anschläge mit dem Namen Gottes rechtfertigt. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2015 zeigt, dass 61 Prozent meinen, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Eine äquivalente Studie zum Christentum gibt es nicht. Dabei wäre sie wohl durchaus interessant. Denn auch meine Religion kennt blutige Auseinandersetzungen, fundamentalistische Auslegungen und einen universalen Wahrheitsanspruch. Und das ist es, was mir Angst macht. Nicht der Islam, sondern Menschen, die eine Religion missbrauchen, um anderen Menschen zu schaden. Dabei mache ich keinen Unterschied, ob jemand das im Namen Gottes, Allahs oder Adonais tut. Denn was mir am meisten Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass der Ursprungsgedanke von Religion bei diesen Menschen verloren gegangen zu sein scheint: Religion ist nicht primär Angstmacher, sondern Angstbekämpfer, sagen zum Beispiel Anthropologen. Sie unterstützen die These, dass der Mensch überhaupt nur einen Glauben an überirdische Mächte und Welten entwickelt habe, da er die Furcht kenne. Aus einem urmenschlichen Bedürfnis nach Sicherheit heraus suchte er nach Erklärungsmustern für alles Unverständliche und Undurchdringliche, mit dem die Welt und das Leben ihn in Atem hielt. In Kurzform: Religion wurde erfunden, um Angst zu lindern.

Doch nicht immer blieb es dabei. Ablasshandel, Kreuzzüge, Hexenverbrennung – auch meine Religion hat dunkle Seiten. Der Name Gottes missbraucht als Unterdrückungsinstrument, sowohl in den eigenen Reihen als auch gegenüber Andersgläubigen.

Angst in den eigenen Reihen

Und dann ist da ja auch noch das Alte Testament: Ein kleines Kind wird anstelle eines Widders einem Gott geopfert, der keine Gnade zu kennen scheint. Erst im letzten Moment greift er ein. Abertausende sterben durch eine Sintflut. Plagen und Hungersnöte brechen über die Menschen herein. Wer den Zorn Gottes auf sich gezogen hat, hat nicht gut lachen. Wer sündigt, wird bestraft. Ziemlich logisch eigentlich. Erst durch Jesus Christus scheint alles etwas entspannter zu werden. Die Botschaft wird sanfter. Und radikaler: Die Liebe ist stärker als der Tod. Gott opfert seinen eigenen Sohn. Zur Vergebung der Sünden aller. Aber macht das weniger Angst? Ist es nicht gerade diese Seite eines Gottes, die verwirrend ist? Wie passt das zusammen? Liebe und Tod? Muss es wirklich gleich so radikal sein? Wie gelingt es, diese Botschaft wirklich als eine frohe Botschaft zu transportieren und nicht als ein Argument zu missbrauchen, um kleinen Kindern Angst zu machen?

Kirche, ein Angstnehmer. Das wäre schön. Heute erinnert mich meine Kirche allerdings eher manchmal an die drei bekannten Affen: Einer sieht nicht, einer hört nicht, einer spricht nicht. Meine Angst vor Menschen, die im Namen Gottes strafen, kann mir die Kirche nicht nehmen.  Zu sehr scheint diese altehrwürdige Institution mit ihrer eigenen Angst vor einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust beschäftigt zu sein. Mit ihrer Angst vor dem Schrumpfen. Mit ihrer Angst vor Priestermangel und Gemeindefusion. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Angst der Gläubigen in den eigenen Reihen oft kein Gehör und keine Erwiderung mehr findet. Vermutlich ist das nicht mal eine böse Absicht, denn wie soll das auch gehen: Angst von Anderen lindern, wenn die eigene Angst riesengroß ist?

Ich muss an die vielen Kirchenaustritte denken. 2015 kehrten 181.925 Katholiken ihrer Kirche den Rücken. Ich muss an Pegida denken und an die 24,3 Prozent AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt im März 2016. Gibt es einen Zusammenhang? Für manche scheint es nahe zu liegen, sich anderweitig zu orientieren. Wohin mit der Angst, wenn die Kirche nicht mehr trägt? Wohin mit den Fragen, der Wut und Unzufriedenheit? Vielleicht hinein in die Resignation, vielleicht aber auch in die Radikalisierung. Wenn eine Kirche keinen Halt mehr bietet, keine Perspektive und kein Rezept gegen die Angst, vielleicht suchen manche dann anderswo.

Wovor habt ihr solche Angst?

Ich will weder resignieren, noch die frohe Botschaft als eine Farce abtun, die heute keine Gültigkeit mehr besitzt. Stattdessen beginne ich, mich zu fragen, warum ich so oft „Ich und die Kirche“ denke und so selten „Wir“. Denn durch meine Taufe bin ich mündiger Teil der Christenheit. Mit sieben Jahren, im Schulgottesdienst, habe ich das noch nicht verstanden. Heute ist das anders. Ich weiß: Meine Angst muss ich nicht verbergen. Ich kann sie mit anderen teilen, selbst einen Anfang wagen. Mutig und aufrichtig fragen: Wovor habt ihr verdammt nochmal so viel Angst? Ist nicht die Zuversicht das, was unseren Glauben ausmacht? Die Hoffnung, die Gnade, die Liebe? Das ist keineswegs einfach. Denn entweder ich traue der Liebe, auch auf die Gefahr von Liebeskummer hin, oder ich traue ihr nicht. Damit haben es Christen nicht unbedingt leichter als Anders- und Nichtgläubige und oft braucht es mächtig Ausdauer, um diese Botschaft wirklich zu verinnerlichen und auch anderen gegenüber zu verteidigen. Terror und Tod zum Trotz die Liebe zu predigen, stelle ich mir ziemlich schwierig vor. Aber mich der Angst zu beugen, mit schmerzenden Knien, das ist für mich auch keine Option mehr.

In der Bibel ist in verschiedenen Abwandlungen 366 Mal der Ausspruch „Fürchte dich nicht“ zu lesen. Für jeden Tag des Jahres und sogar für einen extra. Eine frohe Botschaft ist das, finde ich.

 

„Wenn wir als Antifaschisten nicht von Nazis gehasst werden, haben wir etwas falsch gemacht“

Zehntausend Demonstranten bei Pegida, die AfD in acht Landtagen: schlechte Zeiten für die linksradikale Antifa. Was tut die Bewegung, die viele mit vermummten Steinewerfern assoziieren? Kapitalismus, Gewalt und Angst – ein Gespräch auf einem Münchner Spielplatz.

Reportage von Sofia Dreisbach und Luise Binder