Der Terrorismus ist nicht die größte Gefahr. Es ist die Angst vor dem Terror, die unsere Gesellschaft bedroht.

Kommentar von Teresa Stiens

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Am 22. März 2016 war ich in Brüssel auf dem Weg zur Arbeit, als ich blutenden Menschen begegnete. Sie hatten überlebt, als sich wenige Meter von meiner Redaktion ein Selbstmordattentäter in einer U-Bahn in die Luft sprengte und Menschen tötete. Nun kamen mir die Verletzten entgegen und bei ihrem Anblick schoss mir durch den Kopf: Auch du hättest in dieser Metro sitzen können!

So viele beschlich an diesem Tag das Gefühl, es hätte jeden treffen können. Wir wurden zu 1,1 Millionen Überlebenden in Brüssel und knapp 740 Millionen Überlebenden in Europa. „Hast du Angst?“ fragten mich an diesem Tag Freunde, Eltern.

Ich bin die Frage nicht mehr los geworden. Habe ich Angst? Ja, furchtbare Angst. Aber nicht davor, von einer Bombe zerrissen zu werden. Sondern davor, wie die Zukunft dieses Kontinents aussieht, wenn die Angst am Ende gewinnt.

Wie wahrscheinlich ist es tatsächlich, einen Terroranschlag mitzuerleben? Es ist möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es, bei einem Autounfall zu sterben oder an seinem Essen zu ersticken. Aber dadurch, dass man überall live dabei ist – in Paris, in Brüssel, in Nizza und Würzburg –   scheint es viel wahrscheinlicher, dass auch uns etwas passieren könnte.

Der Terror gilt nicht den Toten

Wir stellen unser normales Leben in Frage: Ist es noch sicher, das Oktoberfest zu besuchen oder mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren? Die Antwort lautet Nein. Sicher ist man nie. Nicht vor dem Beginn des islamistischen Terrors und nicht danach. Aber wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass der Terror nicht den Toten gilt. Die Attentäter wollen uns Überlebende treffen und uns davon abhalten, unser Leben weiter zu leben wie bisher. Wer weiß, vielleicht sitzen wir heute noch neben einem Sprengsatz. Unmöglich ist das nicht, nur eben extrem unwahrscheinlich. Am Ende ist es doch so: Wenn wir unser Leben ändern, weil wir Angst haben, dann gewinnt der Terror.

Das zeichnet sich nicht nur im Privaten, sondern auch im Politischen ab. Das, wofür Europa steht, wird hinterfragt und als zu gefährlich eingestuft. So fangen wir wieder an, unsere Grenzen zu kontrollieren. Der Staat will dadurch vor allem die Bevölkerung beruhigen. Mir macht das mehr Angst als die Gefahr durch islamistischen Terror. Ich fürchte den Verlust meiner Freiheit. Als Kind der 90er kenne ich keine Grenzen. Während mein Großvater in der Normandie gegen unsere europäischen Nachbarn kämpfte, ist für mich Europa Heimat. Ich fahre mit dem Auto los und alles, was mich daran erinnert, dass ich ein anderes Land betrete, ist mein Mobilfunkanbieter mit der SMS „Willkommen in Frankreich“. Seit der Ankunft der Flüchtlinge und dem europäisierten Terror heißt es wieder: Stau wegen Grenzkontrollen.

Paradoxe Allianzen

Von allen Seiten wird uns beigebracht, Angst zu haben. Dabei bilden sich paradoxe Allianzen. Die Islamisten wollen, dass wir vor ihnen Angst haben, klar. Aber auch die Rechten wollen, dass wir vor den Islamisten Angst haben. Sie bieten vermeintlich einfache Lösungen, die Sicherheit bringen und Wähler anziehen sollen: Abschottung gegen den Terror, Islam raus, national denken. Ich hingegen habe am meisten Angst vor einer Zukunft voller Petrys, Hofers und Le Pens. Ein europäischer Kontinent, der keine „Neuen“ mehr duldet, aus Angst davor, dass einige von ihnen gefährlich sein könnten, ist für mich eine albtraumhafte Vorstellung.

Genauso albtraumhaft ist die Vorstellung, was aus den Neuankömmlingen einmal werden könnte, wenn wir sie behandeln, als hätten sie alle einen Sprenggürtel umgeschnallt. Wer sie aus Angst ausgrenzt, stigmatisiert und diskriminiert, schafft den idealen Nährboden für Radikalisierung, Islamismus und schließlich Terror. Wie sicher Europa in den kommenden Jahrzehnten sein wird, hängt davon ab, welche Perspektiven wir den Migranten bieten.

Angst ist menschlich. Aber sie ist auch gefährlich. Sie ist eine Versuchung, der wir widerstehen müssen, sonst wird sie unsere Entscheidungen kontrollieren. Und dann müssten wir wirklich Angst haben.

 

Editorial

„Wir haben doch nur Angst.“ Eine Aussage wie eine Rechtfertigung. Doch wie lange ist Angst privat und wann wird sie politisch? Eine Spurensuche nach einem Gefühl, das unsere Zeit bestimmt.

Von Hanna Buiting