Die Suche nach dem Ursprung einer Lüge im Netz führt in die Welt der Angstmacher: zu einem Wiener Verschwörungstheoretiker, einem schwäbischen Pastor mit 1500 Facebook-Freunden und zu über 100 Posts, die einen gefälschten Brief zitieren.

Recherche von Simon Plentinger

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Angstverbreiter im Internet – Illustration: Jona Roth

„Alarmstufe Rot!“

Mit diesen Worten beginnt der bildschirmfüllende Beitrag, den Jakob Tscharntke am 3. Juni um 18:49 Uhr auf seiner Facebookseite postet. Der Grund seiner Empörung: Ein Schreiben des Amts für Wohnen und Migration der Stadt München hat Senioren aufgefordert, ein Zimmer an Flüchtlinge zu vermieten. Wenn nicht, so droht der Brief, könnten sie die Wohnung verlieren. „Jetzt beginnt anscheinend die Beschlagnahme von Wohnungen für Invasoren!“, kommentiert Tscharntke. Der Post ist für jeden Facebook-Nutzer öffentlich sichtbar.

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Ausschnitt aus dem gefälschten Schreiben

Das Schreiben ist eine Fälschung. Das Amt hat es nie verschickt. Der Briefkopf wurde in das Dokument hineinkopiert, das stellen Süddeutsche Zeitung, Münchner Merkur und tz am selben Abend klar, fast zeitgleich zum Beitrag von Jakob Tscharntke. Doch da beginnt sich die Empörung auf Facebook gerade erst Bahn zu brechen. Die Empörung von Menschen, die den Fake entweder nicht erkennen oder nicht erkennen wollen. Tscharntke ist nur einer von ihnen, jedoch derjenige mit der größten Reichweite. 86 Menschen teilen seinen Beitrag. Sie alle hätten durch eine kurze Google-Suche die Fälschung als solche erkennen können.

 

1500 Facebook Freunde dank einer Predigt

Tscharntke ist nicht irgendeiner. Er ist Pastor einer evangelischen freikirchlichen Gemeinde im württembergischen Riedlingen. Auf seinem Facebookprofil teilt er neben gelegentlichen Gebetsaufrufen vor allem Links zu alternativen Medienseiten und Blogs. Diese Artikel richten sich meist gegen Asylbewerber und Zuwanderung. Die Facebookseite der Alternative für Deutschland ‚gefällt ihm‘. Die Inhalte seines Profils sind nicht nur seinen über 1500 Facebook-Freunden vorbehalten, sondern sind für jeden angemeldeten User sichtbar. Eine seiner Predigten vom Herbst 2015 wurde mehrfach auf Youtube hochgeladen und insgesamt über 150.000 Mal geklickt. Darin wettert er gegen die deutsche Zuwanderungspolitik und bezeichnet die Flucht nach Deutschland als illegale und gewaltsame Invasion mit der sich die deutsche Asylindustrie eine goldene Nase verdiene.

Anruf bei Pastor Tscharntke

Seit dieser Predigt sei der Pastor über Facebook mit vielen Menschen in Kontakt gekommen, erzählt er am Telefon. Sie versorgten ihn regelmäßig mit Links zum Thema Zuwanderung. An den Beitrag über das Schreiben des Münchner Amtes erinnert er sich, nicht aber daran, wie er darauf gestoßen sei. Nachgeprüft habe der Pastor die Information nicht. Bei den „offiziellen Journalisten“ sei genauso viel Falsches dabei wie in alternativen Medien, so „wahrhaftig“ müsse man schon sein. Schließlich sei der Großteil der Berichterstattung über ihn auch falsch. Tscharntke spricht von einem Wust aus Lüge und Unwahrheit, der in der Welt sei. „Da blickt ja keiner mehr durch“, sagt er. Alle Meldungen müsse man mit äußerster Vorsicht genießen, findet Tscharntke. Doch warum hat er beim Verbreiten des gefälschten Schreibens keine Vorsicht walten lassen? Er, der Pastor, der von Wahrhaftigkeit spricht? Wenn er erfahre, dass eine Meldung ein Fake war, würde er das stets klarstellen. Tscharntke lacht nervös. Konfrontiert mit den Tatsachen bietet er an, eine Richtigstellung zu veröffentlichen.

Die Suche nach den Urhebern

Hoaxmap

Karte mit Falschmeldungen von hoaxmap.org

Das Portal hoaxmap.org sammelt Falschmeldungen (englisch ‚hoax‘) im deutschsprachigen Raum. 417 Fälle sind auf der Seite gelistet mit Ort, Datum und Links zu den Berichten, in denen die Meldungen widerlegt wurden. Vergewaltigung, Raub sowie Geld- und Sachleistungen sind die häufigsten Stichworte. Meist stehen Geflüchtete im Zentrum der vermeintlichen Vorfälle. Versucht man die Verbreitung der Gerüchte nachzuverfolgen, landet man in vielen Fällen in einer Sackgasse. Die Posts existieren nicht mehr oder sind nicht öffentlich.

Doch die Suche nach den Stichworten ‚Beschlagnahme‘, ‚Senioren‘ und ‚München‘ fördert auf Facebook über 100 Beiträge zu Tage, die sich auf das Gerücht über das gefälschte Schreiben beziehen. Pastor Tscharntke ist einer der ersten, der öffentlich das vermeintliche Vorgehen der Stadt München beklagt. Der Großteil der Beiträge gibt die Internetseite hartgeld.com als Quelle an.

Anruf bei WE

Die Seite propagiert Goldanlagen und kündigt die Rückkehr zur Monarchie und den Niedergang des Finanzsystems an. Dort wurde am 3. Juni um 15:15 Uhr eine Leserzuschrift anonym veröffentlicht, die das Schreiben des Sozialreferats zitiert. Eine 86-jährige Witwe habe es erhalten. Der Betreiber von hartgeld.com kommentiert die Zuschrift: „Ein Scan des Briefen [sic!] wurde mitgeschickt, das ist kein Fake.WE.“ ‚WE‘ steht für Walter Eichelburg. Dessen Redefluss ist am Telefon nur schwer zu stoppen. Zwischen den apokalyptischen Ankündigungen über den Niedergang des Systems und die Rückkehr des Kaisers spricht  er vom „Terror durch Flüchtlinge“ und dem „Riesenproblem Multikulti“. Sein Medium gehöre zu den wenigen, die nicht kontrolliert würden. Die großen deutschen Medien seien ohnehin alle „auf Links gedreht“. Angesprochen auf den Urheber der Leserzuschrift antwortet Eichelburg, alle Absender seien gelöscht und nicht mehr nachzuverfolgen. Ob die Informationen nachgeprüft wurden? „Wir posten alles, was uns plausibel erscheint.“ Nur gut geschrieben müsse es sein.

Die Strategie der Angstmacher

Wer das ursprüngliche Schreiben gefälscht hat, das am 3. Juni bei den Münchner Zeitungen einging, bleibt unklar. Das Sozialreferat München hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Facebook-Posts über das Schreiben des Münchner Amtes berufen sich auf eine Seite, die ungeprüfte Leserzuschriften als Fakten verkauft. Das Gerücht bleibt in der Welt, obwohl es jeglicher Grundlage entbehrt.  Für Kritiker von hartgeld.com und vergleichbaren Seiten hat dieses Vorgehen einen Namen: FUD-Strategie. Die Fear, Uncertainty and Doubt Strategie (zu Deutsch: Angst, Unsicherheit und Zweifel) gilt als Marketingmethode, bei der gezielt falsche Informationen verbreitet werden, um einen Gegner oder Konkurrenten zu diffamieren. Diese Masche klappt auch dann, wenn an den Gerüchten nachweislich nichts Wahres dran ist. Einmal in der Welt, sind sie schwer wieder auszuräumen.

Wenige Stunden nach dem Telefongespräch mit Pastor Tscharntke stellt dieser auf seinem Facebookprofil klar, dass das Schreiben des Münchner Amtes eine Fälschung war. Es sei jedoch nicht als solche zu erkennen gewesen. Der Beitrag wird in den folgenden Tagen von vier Menschen geteilt.

 

Unsere Ängste

Für die einen ist es Terror, für die anderen rechte Hetze: Vor was haben die Menschen am meisten Angst? Wir haben nachgefragt.

Umfrage von Ann-Kathrin Hipp und Katharina Weygold