Vor 50 Jahren gingen Studenten auf die Straße aus Angst, dass sich nichts verändert. Heute protestieren wieder Menschenmassen – aus Angst vor zu viel Veränderung. 68er-Ikone Rainer Langhans und Christoph Steier von der Jungen Alternative über Flüchtlinge, Familie und Frauen. 

Streitgespräch von Viktoria Bolmer, Rafaela Rübsamen, Teresa Stiens und Fabian Trau

 

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Rainer Langhans: Jahrgang 1940, bekannt durch seine Mitgliedschaft in der Studentenbewegung der sechziger Jahre und der Kommune I. Er liest und meditiert viel. Seine politischen Themen: Familie, Liebe, soziale Gerechtigkeit.

 „Zeitweilig hatte ich Angst, für meine politische Meinung einzustehen. Es hieß damals: Haut bloß ab oder wir schlagen euch tot.“

Christoph Steier: Jahrgang 1992, BWL-Student und Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes der Jungen Alternativen. Spielt Basketball, mag Pokemon und Literatur.  Seine politischen Themen: Wirtschaft, Zuwanderung, (soziale) Gerechtigkeit.

„Die Grundangst der Menschen ist, sich zu verändern.“

Rainer Langhans und Christoph Steier treffen sich in einem Bio Bistro in München. Es riecht nach Ingwer, Langhans trinkt einen Hanf-Shake – der Alt-68er ist ganz in weiß gekleidet. Unweit des Cafés wurde mit den „Schwabinger Krawallen“ 1962 einer der Grundsteine für die 68er Bewegung gelegt. Damals gab es Straßenschlachten aus Protest gegen die Gesellschaftsordnung. Über ein halbes Jahrhundert später will auch der Vorsitzende der Jungen Alternativen Bayern, Christoph Steier, das System verändern. Sein Aussehen erinnert eher an die Elterngeneration der 68er – adrett gekleidet, die Haare zurückgegelt.

Steier: Ich glaube, es gibt Überschneidungspunkte zwischen deiner Generation und der Generation der Jungen Alternativen. Ich glaube, eine gewisse Systemkritik, die damals vorgeherrscht hat, herrscht auch jetzt wieder vor. Nach den Grünen gab es keine Partei mehr, die es geschafft hat, das System wirklich aufzulösen.

Langhans: Die Grünen haben einiges in der Richtung erreicht – mal sehen, ob ihr weiter kommt. Ihr versucht es ja als Partei. Aber ihr müsst mehr tun, als nur hier ein bisschen reformieren und da ein bisschen in die Familienkasse zahlen, ihr müsst ein anderes System des Miteinanders wirklich befürworten. Oder seid ihr nur an ein paar Reformen interessiert, als Partei?

Steier: Naja, also ich glaube, jetzt als Partei ist es sehr, sehr schwer, das ganze System umzustürzen. Aber die Stellschrauben, die wir haben, müssen wir versuchen zu drehen.

Langhans: Also ihr glaubt, in dem System könnte man das machen?

Steier: Das glaube ich schon. Wenn jetzt Wahlen wären, hätten wir 20 Prozent. Daran sieht man, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Sogar Gewerkschaftsvertreter wählen mittlerweile AfD statt SPD. Wir sind liberal-konservativ, mit sozialen Gerechtigkeitskomponenten.



Redaktionelle Anmerkung: Die Junge Alternative Deutschland, kurz JA, ist die Jugendorganisation der AfD. Mit geschätzt 1200 Mitgliedern ist sie noch eine verhältnismäßig kleine Organisation. Geschätzt 90 Prozent der Mitglieder sind auch in der AfD. Die Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen ist ein wesentlicher Bestandteil des Programms der JA: „Uns eint die Sorge um Deutschland als Staat in einem friedlichen Europa der Vielfalt. Uns eint die Sorge um die Generationengerechtigkeit. Uns eint die Sorge um die Zukunft.“

Als „68er Bewegung“ bezeichnet man die Studentenproteste Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in Deutschland. Sie demonstrierten für eine bessere Aufarbeitung der NS-Geschichte und gegen die bestehende Klassenordnung. Der negative Höhepunkt der Protestbewegung war, als der Student Benno Ohnsorg bei einer Demonstration von einem Polizisten erschossen wurde. Kurz nach dem Amtsantritt von Willy Brandt zersplitterte die Bewegung. 

Steier: Die Grundangst des Menschen ist, sich zu verändern. Sie bleiben bei dem, was sie kennen und was sie wollen.

Langhans: Das denke ich nicht. Der Mensch ändert sich ständig, entwickelt sich ständig
irgendwohin. Wir alle haben eine evolutionäre Lust, uns weiterzuentwickeln. Das ist doch das
Grundprinzip von Menschsein.

Steier: Die Mehrheit der Leute fragt sich: Will man sich ändern? Will man hin zu Multikulti?
Das ist eine spannende Frage.

Langhans: Die ganzen Leute wollen mehr Liebe, die wollen mehr geliebt werden, sie wollen sich besser fühlen in dieser Welt. Das geht nur durch Veränderung. Wenn immer nur das Gleiche passiert, dann langweilt sich jeder.

Steier: Du sprichst natürlich sehr spirituell. Aber die Mehrheit der Leute sieht die Welt nicht mit Love, Peace and Harmony.

Langhans: Sie möchten das aber, oder? Du meinst, sie möchten Krieg? Ne. Ich glaube, die möchten Liebe und Frieden. Love and Peace haben wir das genannt.

Steier: Die Frage ist, wie sich das ausgestaltet. Also ich weiß nicht, ob jeder gerne in einer Kommune leben würde, das bezweifle ich.

Langhans: Jeder wahrscheinlich nicht, das stimmt. Das haben wir damals gesehen, das war zu viel verlangt. Aber unser Gefühl sagte uns schon: So ist es richtig. Das sahen aber nicht alle so. Natürlich haben wir Angst gehabt, dass die all das Schöne wieder zerstören können. Wir hatten damals auch sehr konkrete Ängste. Die Angst, dass damals diese Mörderfaschisten weitermachen würden. Das hat uns sehr intensiv nach einer Alternative suchen lassen. Zeitweilig hatte ich auch Angst, für meine politische Meinung einzustehen. Es hieß damals: Haut bloß ab oder wir schlagen euch tot, wenn ihr weiter macht. Es war schon sehr bedrohlich.

Steier: Auch bei uns ist die Angst auf alle Fälle vorhanden, dass man für die Meinung körperlich angegriffen und denunziert wird. Dass an unsere Häuserwände „Scheiß AfD“ geschrieben wird. Das ist eine Angst, die viele Leute dazu treibt, zu sagen: Ich möchte mich nicht weiter politisch engagieren, weil das an meine Substanz geht.

Ein Thema eint die AfD Mitglieder: die Angst vor unkontrollierter Zuwanderung. Rainer Langhans hingegen musste selbst als Kind vor den Bomben des Krieges fliehen.

Steier: Ich glaube, die Problematik ist, dass wir von Oben verarscht wurden. Es wurde uns gesagt, dass die Flüchtlinge kommen, weil dort Bomben fallen, das war nicht so. Viele Flüchtlinge kommen aus wirtschaftlichen Aspekten.

Langhans: Die Frage ist, ob das nicht trotzdem ein gerechtfertigter Flüchtlingsgrund ist. Wenn du zum Beispiel nicht richtig sozial leben kannst, dann ist es doch verständlich, dass du dahin gehst, wo mehr soziale Gerechtigkeit herrscht.

Steier: Aber man kann sich sein Leben leider Gottes nicht aussuchen…

Langhans: Doch, das kann man und das tust du und das sollten andere auch können.

Steier: Wenn ich jetzt nach Afrika gehen würde, würde ich denn dann da alle Sozialleistungen bekommen, die ich hier in Deutschland bekomme?

Langhans: Die Leute haben da doch so viele Probleme, dass sich die Frage gar nicht stellt. Die Wirtschaftsflüchtlinge kommen doch gerade deshalb hierher, weil sie mehr Sozialleistungen bekommen als in ihrer Heimat, wo sie fast keine bekommen und kaum noch überleben können.

Steier: Aber sie müssen ja nicht herkommen. Die AfD schlägt zum Beispiel Asylzentren in deren Ländern vor, sodass überhaupt kein Fluchtversuch mehr nötig ist.

Langhans: Man kann Flüchtlinge nicht dadurch aufhalten, überall Zäune an die Grenze zu bauen. Ich weiß, dass ihr das denkt. Ich fürchte, dass das nicht funktionieren wird. Die Bedingungen in den Ursprungsländern, wo sie herkommen, die müssen geändert werden, damit die überhaupt nicht auf die Idee kommen, fliehen zu wollen.

Steier: Ja, das ist ja richtig.

Langhans: Und wie macht man das?

Steier: Was macht dagegen zum Beispiel die EU? In Afrika sieht man jetzt ja, da gibt es de facto eine Völkerwanderung. Da mache ich auch der EU ganz klare Vorwürfe. Da gab es eine ganz interessante Statistik über Hühner und Subventionen. Wegen der billigen Produkte aus Europa lohnt es sich für ein afrikanisches Land nicht, selber im Agrarwesen tätig zu sein. Das ist ein Punkt, der ganz einfach nicht geht.

Langhans: Wenn wir diese Flüchtlingsursachen beseitigen wollen, dann müssen wir die Verhältnisse dort grundlegend verändern, und ich fürchte, das wird leider in diesem System nicht möglich sein.

Steier: Die AfD sagt zum Beispiel: Ja zu Asyl, Nein zu Asylmissbrauch. Das heißt: Leute, die politisch aus Syrien fliehen, die haben bei uns einen temporären Schutz. Katrin Göring-Eckardt von den Grünen sagt, man kann doch nicht einen straffällig gewordenen Flüchtling nach Syrien abschieben. Da sag ich: jawohl kann man das. Jemand, der hier straffällig geworden ist, hat sein Recht verwirkt.

Langhans: Ja, aber das sind doch alles nur kleinere Probleme. Das große Ziel ist doch, Fluchtursachen zu beseitigen, nicht nur die paar Missbräuche zu regeln. Wir müssen doch dieses Grundproblem irgendwie angehen.

Steier: Absolut!

Im Grundsatzprogramm der AfD steht die Förderung des Familienmodells „Mutter, Vater, Kind als Keimzelle der Gesellschaft“. Rainer Langhans lebt in einer Kommune mit fünf Frauen. Er wehrt sich gegen die alteingesessene Vorstellung von Familie.

Steier: Wenn wir uns jetzt mal Deutschland anschauen, da ist ein Kind ein Luxusobjekt. Das sollte nicht der Fall sein. Wenn du das als konservativ bezeichnest, dann ist das als konservativ zu bewerten.

Langhans: Also Ihr wollt die ganzen zerfallenden Ehen und dieses ganze Kleinfamilienmodell wieder restaurieren?

Steier: Wenn wir uns mal die Geburtenrate in Deutschland anschauen, sind wir an einer der letzten Stellen und ich glaube, wir müssen die traditionelle Familie wieder fördern.

Langhans: Und der Zerfall der Familien, das gibt euch nicht zu denken, dass das vielleicht auch was Sinnvolles ist? Hast du mal überlegt, dass es besser für Kinder sein kann, wenn nicht mehr dieses etwas lieblose und enge Kleinfamilienmodell aus dem Frühkapitalismus verfolgt wird? Wir haben damals übrigens gesagt: Aus der Kleinfamilie kamen die ganzen Hitlers, also die ganzen Mörder.

Steier: Also dieser Vergleich hinkt in meinen Augen.

Langhans: In Kleinfamilien gibt es diese berühmte patriarchale Rolle des Mannes, der derjenige ist, der das Sagen hat und das ist dann die Führerfigur. Deswegen haben wir uns damals gegen die Kleinfamilie ausgesprochen, weil wir ja auf diesem Leichenhaufen von unseren Eltern saßen. Dieses Modell, das dazu geführt hat, wollten wir nicht übernehmen.

Steier: Man kann doch aber nicht von einer Kleinfamilie auf Hitler schließen, das ist…

Langhans: Ja, entschuldige, aber musst du doch? Du musst doch annehmen, dass wenn ein solches Modell einen Massenmord hervorbringt, dass es dann kein gutes sein kann.

Steier: Das heißt im Konkreten, du sagst, hätten damals alle in einer Kommune gelebt, dann wäre Hitler nicht an die Macht gekommen?

Langhans: Richtig: weil es dort keinen Führer gibt, weil es dort keine Autorität gibt, keinen Patriarchen gibt, also keinen massenmörderischen Mann.

Auf der Homepage der Jungen Alternative Bayern finden sich fast keine Frauen. Insgesamt ist in der AfD der weibliche Anteil sehr klein, die Partei wird vor allem von Männern gewählt. Woran liegt das?

Steier: Politik ist insgesamt keine Frauendomäne. Ich glaube, viele Frauen haben auch Angst. Wenn sie ihre Meinung über Flüchtlinge kundtun, werden sie sofort in eine Ecke gestellt. Der Punkt ist aber eigentlich, dass die Politik für die Frau jetzt nicht primär interessant ist.

Langhans: Ich würde sagen, dass die Frauen damit inzwischen nicht mehr so einverstanden sind, auf Kinder-Küche-Kirche reduziert zu werden. Die AfD hält die Frauen fern, indem sie sagt, die Frauen gehören da eigentlich gar nicht hin, die interessieren sich nicht dafür, das ist nicht ihre Sache.

Steier: Das habe ich so nicht gesagt.

Langhans: Ahja, ich habe es eben so gehört.

Steier: Nein. Was ich damit sagen will ist, dass wir sehr wohl Frauen haben. Wir haben an der Spitze Frauke Petry. Ich sage nur, dass die Grundeinstellung bei Frauen wahrscheinlich eher nicht da ist, politisch aktiv zu werden.

Langhans: Wir sehen inzwischen, dass es den Frauen auf Dauer nicht Recht ist, so reduziert zu werden. Politik ist häufig noch ein Männerkriegsspiel. Die Frage ist, in welcher Entwicklung befinden wir uns?

Steier: Wenn eine Frau sich in den Dienst der Familie stellt, muss es ihr möglich sein, gut zu leben und die Familie zu ernähren. Das ist das konservative Familienbild. Das heißt aber nicht, dass eine Frau dem Mann unterstellt ist, dass sie nicht arbeiten gehen darf.

Langhans: Aber Du weißt, dass die Frauen sich aus dieser engen Kleinfamiliengeschichte als
„Mutter am Herd“ immer weiter rausentwickelt haben.

Steier: Aber es gibt viele Leute, die gerne wieder zurück wollen.

Langhans: Aber daraus hat sich eine Auflösung des alten Familienmodells ergeben. Wenn eine Frau in einen Beruf geht, dann löst sich dadurch dieses alte Familienmodell ein stückweit auf.Wieso wollt ihr zu diesem Modell, das nicht funktioniert hat und mit dem die Frauen nicht mehr zufrieden sind, zurück?

Steier: Es ist wieder die Verallgemeinerung, die du ins Spiel bringst. Es gibt Frauen, die ganz
klar sagen, sie möchten in dieses Familienbild zurück.

Langhans: Ja, es gibt sie, aber immer weniger.

Steier: Das glaube ich zum Beispiel nicht. Ich sehe das andersherum. Es wollen immer mehr in das klassische Familienbild zurück.

Langhans: Ja, da sind wir uns überhaupt nicht einig.

Die Angst vor dem Zerfall der traditionellen Familie und die Angst vor der „Islamisierung“ Deutschlands sind zentrale Punkte der AfD. Langhans findet das paradox und zieht Parallelen zwischen dem Familienbild Steiers und dem der Flüchtlinge.


Langhans: Die Flüchtlinge sind ja nun Familienfanatiker, kann man sagen. Mehr als wir, viel mehr als wir.

Steier: Man kann das muslimische Familienbild nicht mit einem christlich-abendländisch geprägten Familienbild vergleichen.

Langhans: Das finde ich schon. Gut, bei ihnen gibt es mehr die Großfamilie als bei uns früher.

Steier: Aber gibt es eine christliche Familie, wo Kopftuchpflicht herrscht? Gibt es christliche Familien, wo es heißt, mit zwölf Jahren heiratest du eine dir vordefinierte Person, die wir für dich aussuchen? Ich glaube, da sind wir einfach auf komplett unterschiedlichen Wegen.

Am Ende des Gesprächs sind beide Seiten überrascht. Denn bei all den Unterschieden gab es doch viele Gemeinsamkeiten.


Langhans: Ich fand das Gespräch sehr interessant, ich wusste noch nicht so viel über Sie.

Steier: Ich hätte Ihnen jetzt gerne ein AfD-Parteiprogramm mitgegeben, nur leider ist das Problem, dass es vergriffen ist – wir kommen gar nicht mit der Nachproduktion des Programms hinterher. Ich finde, es hat gut harmoniert und so weit sind wir ehrlicherweise in manchen Dingen gar nicht voneinander entfernt.

Langhans: Glaube ich auch nicht. Wir sind die Alternativen für Deutschland, wenngleich sehr verschiedene. Und ich glaube, dass unsere Alternative sich mithilfe des 68er-Tools Internet, in das alle Jungen gehen, durchsetzen wird. Dort gibt es communities und mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Liebe. Das ist die Zukunft, nicht Eure Rückkehr in die Vergangenheit.

 

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