„Wir haben doch nur Angst.“  Eine Aussage wie eine Rechtfertigung. Doch wie lange ist Angst privat und wann wird sie politisch? Eine Spurensuche nach einem Gefühl, das unsere Zeit bestimmt.

Von Hanna Buiting

Mit großem Sicherheitsaufwand trennt die Polizei am 9. Februar 2015 in Frankfurt am Main PEGIDA-Anhänger und Gegendemonstranten voneinander. Knapp 100 PEGIDA-Sympathisanten standen etwa 1000 Teilnehmern der Gegendemonstration gegenüber.

Mit großem Sicherheitsaufwand trennt die Polizei am 9. Februar 2015 in Frankfurt am Main PEGIDA-Anhänger und Gegendemonstranten voneinander. Knapp 100 PEGIDA-Sympathisanten standen etwa 1000 Teilnehmern der Gegendemonstration gegenüber. Foto: kna

Februar 2014: Während wir ins Grundlagenseminar der Journalistenausbildung des ifp starten, wird die Krim durch Russland annektiert.

September 2014: Während wir in Lokalredaktionen journalistische Erfahrungen sammeln, geht der NSU-Prozess in eine neue Runde. Beweismittel sollen gefälscht worden sein.

Januar 2015: Während unser zweites Jahr der Journalistenausbildung beginnt, töten Islamisten in der Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen. Ein Angriff auf die Pressefreiheit.

März 2015: Während wir unser zweites Praktikum absolvieren, wird Pegida immer lauter. „Wir sind das Volk“, rufen sie und versammeln stetig mehr Menschen um sich.

August 2015: Während wir uns mit Bildern und Tönen im Hörfunk- und Fernsehseminar beschäftigen, verspricht Angela Merkel „Wir schaffen das.“

November 2015: Während wir uns mit anderen Institutlern zum Jahrestreffen in Darmstadt versammeln, sterben in Paris 130 Menschen durch islamistische Anschläge.

Januar 2016: Während unser drittes Jahr der Journalistenausbildung beginnt, wird über die Silvesternacht von Köln diskutiert. Geflüchtete als mögliche Sexualstraftäter?

März 2016: Während wir beim Fernsehen und im Hörfunk hospitieren, erhält die AfD in Sachsen-Anhalt 24,3 Prozent der Wählerstimmen.

April 2016: Während wir unsere Flüge für das Europaseminar in Brüssel buchen, explodieren am Flughafen und in einer U-Bahnstation von Brüssel Bomben. Ein Anschlag des IS.

August 2016: Wir erstellen ein Online-Dossier zum Thema „Angst“. Es wird unsere Abschlussarbeit der Journalistenausbildung.

Denn die Entwicklungen der letzten Jahre machen Angst. Auch uns, jungen Journalistinnen und Journalisten. Wir fragen uns: Wie lange ist Angst privat und wann wird sie politisch? Wie ernst sollte Angst genommen werden und wie berichten wir darüber? Darf sie als Rechtfertigung für Radikalisierung herhalten? Und was können wir gegen die Angst tun?

„Wir haben doch nur Angst.“ Unter diesem Titel begeben wir uns auf Spurensuche nach einem Gefühl, das unsere Zeit bestimmt. Wir treffen junge und alte Alternative, sprechen mit Geflüchteten von früher und von heute.  Wir beobachten Hetzer und Gehetzte im Netz, verfolgen Internetlügen und ihre Geschichte. Wir vergleichen rechte und linke Gewalt.  Wir suchen nach Menschen, die ihrer Angst mit Kreativität begegnen. Wir reagieren auf Terror und Tod im Namen des Herrn.

Und stellen uns auch unseren eigenen Ängsten.


Geschlechtergerechtigkeit ist uns wichtig. Für einen leichteren Lesefluss haben wir uns aber gegen eine ausdrücklich gendergerechte Sprache in unseren Texten entschieden. Alle mögen sich dennoch einbezogen und eingeladen fühlen.

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Zu gut, um falsch zu sein

Die Suche nach dem Ursprung einer Lüge im Netz führt in die Welt der Angstmacher: zu einem Wiener Verschwörungstheoretiker, einem schwäbischen Pastor mit 1500 Facebook-Freunden und zu über 100 Posts, die einen gefälschten Brief zitieren.

Recherche von Simon Plentinger