Christian Naumann schrieb auf Facebook, wie er mit seiner HIV-Infektion umgeht. Nur wenige Stunden später reagierten Landtag und Medien auf sein Statement. Und Naumann war mitten in einem Shitstorm.

Protokoll von Moritz Hien und Johannes Lohmaier

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Christian Naumann ist Student und LGBT-Aktivist. Foto: Privat.

„Ich habe regelmäßig Sex ohne Kondom. Schutz durch Therapie macht es möglich“, schrieb der heute 25-jährige Christian Naumann im vergangenen November auf seiner privaten Facebookseite. Der Student und LGBT-Aktivist ist HIV-positiv, seine Sexpartner informiert er darüber nicht. Dank einer Medikamententherapie ist Naumann aber nicht infektiös, kann also niemanden mit dem Virus anstecken. Mit seinem Statement wollte er auf genau diesen Schutz durch Therapie aufmerksam machen.

Keine 24 Stunden später stilisierten zwei Landtagsabgeordnete die private Meinungsäußerung zur Staatsangelegenheit und stellten eine offizielle Kleine Anfrage an die nordrhein-westfälische Landesregierung. Der Tenor: Wie kann ein Mensch, der in Schulen Aufklärungsworkshops anbietet, so andere gefährden? Naumann war zu diesem Zeitpunkt Sprecher des Netzwerkes Schlau, das Workshops zum Thema sexuelle Orientierung organisiert. Innerhalb kürzester Zeit griffen verschiedene Medien seine Geschichte auf. In den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke begann die Hetze.

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Mit diesem Post nahm die Hetze ihren Anfang. Screenshot: www.facebook.com

Christian Naumann: „Viele haben einfach Scheiße geschrieben. Dass ich abgeknallt werden soll. Dass ich in den Knast gehöre. Dass mir die Eier abgeschnitten werden sollten. In den Artikeln, die auf die Anfrage im Landtag folgten, stand oft mein voller Name. Jeder konnte mich direkt anschreiben und mir sagen, wie scheiße ich bin. Damit ging es mir natürlich sehr schlecht. Ständig war ich damit beschäftigt, was mir die Leute geschrieben haben oder was über mich verbreitet wurde. Ich habe mich machtlos gefühlt.

Insgesamt haben sich positive wie negative Reaktionen etwa die Waage gehalten. Viele, die mich kennen, fanden meinen Post gut. Einige HIV-Positive haben sich gemeldet und gefreut: Endlich sagt das jemand. Aber sobald das Ganze online war, war es nicht mehr steuerbar. Viele haben einfach darauf losgeschrieben. Die Leute lasen nur HIV und Sex ohne Kondom – ignorierten dabei einfach den Schutz durch Therapie und dass ich damit nicht infektiös bin.

Keine Angst, dass Drohungen wahr werden

Zwei Tage nach meinem Post habe ich in einigen Fällen Anzeige erstattet, damit wenigstens die Leute, die grenzüberschreitende Sachen geschrieben haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Trotz aller Drohungen würde ich Facebook und solche Kanäle nicht überbewerten. Ich hatte zumindest keine Angst, dass Leute zu mir kommen und die Drohungen umsetzen.

Mein Engagement als Sprecher bei Schlau musste ich aufgeben. Andernfalls hätte ich den Kritikern einen weiteren Grund gegeben, Schulaufklärung zum Thema Homosexualität abzulehnen. Wenn ich heute etwas poste, überlege ich natürlich schon genauer. Ich versuche, möglichst bei meiner Person zu bleiben und zu schreiben, wie ich selbst etwas mache. Dadurch mache ich mich weniger angreifbar.

Zum Umgang mit HIV schreibe ich immer noch Posts. Ich will da einfach die Aufmerksamkeit nutzen. Weiterhin leite ich HIV-Positiven-Treffen, bin im Vorstand des Schwules Netzwerkes NRW und im Gleichstellungsausschuss der Stadt Düsseldorf.

Das Gute an der Sache ist, dass es eine Diskussion in der LGBT-Community (Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) in NRW ausgelöst hat. Viele Menschen haben so überhaupt erst vom Schutz durch Therapie erfahren. Auf einmal war das Thema auf dem Tisch. Das ist gut so, auch wenn es auf meinem Rücken ausgetragen wurde.“

Im Interview erklärt Sozialpsychologe Andreas Zick, wie Angst und Hass in einer Gewaltspirale münden. Hier weiterlesen.